Die Frage, was ist Kunst?

Auf meinen Ausstellungen begegnen mir oftmals Menschen, die beim Betrachten meiner Werke von dem einen oder anderen Motiv begeistert sind und gleichzeitig äußern, dass sie eigentlich nichts von Kunst verstehen. Zweifellos wird hier eine Verunsicherung darüber, was Kunst ist, erkennbar. Manches, was heute als höchster Ausdruck künstlerischen Schaffens von Kunstkritikern, Galeristen oder Medien angepriesen wird, ist für viele Menschen als Kunst nicht mehr zu identifizieren, sie sind verunsichert darüber, von welchen Gesichtspunkten aus eine Bewertung vorgenommen werden soll.

Wenn man die darstellende Kunst als eine Ausdrucksform definiert, die etwas kommunizieren soll, wie z. B. Emotionen, Formen, Farben und in den meisten Fällen eine Botschaft oder ein Thema, so ist letztlich die Kraft, mit der die Kommunikation auf den Betrachter einwirkt, die Eindringlichkeit mit der das Kunstwerkes Obiges zum Ausdruck zu bringen vermag, von entscheidender Bedeutung.

Nun, um eine Kommunikation zwischen dem Betrachter und dem Kunstwerk herzustellen, muss zumindest ein Minimum an gemeinsamer Realität (gemeinsamer oder ähnlicher Gedankenwelt) vorhanden sein. Wenn dem nicht so ist, wird der Betrachter mit dem Kunstwerk nichts anfangen können und das ist vollkommen in Ordnung. Die Verantwortung für die Kommunikationsfähigkeit eines Gemäldes oder einer Skulptur liegt zweifellos beim Künstler.

Viele Künstler sind sich dessen nicht bewusst. Auf Grund der eigenen seelischen Probleme sind sie oftmals nicht mehr in der Lage, mittels ihrer Werke mit Betrachtern zu kommunizieren, sie überlassen es dem Zufall, ob ihre Arbeit kommuniziert oder nicht. Viele Künstler sind sogar schon dazu übergegangen zu propagieren, dass sie ihre künstlerischen Werke nicht für ein potentielles Publikum kreieren. Sie kreieren ihre Kunst also in Richtung zu sich selbst oder haben es schon völlig aufgegeben etwas ursächlich zu kreieren, sie lassen ihr Kunstwerk durch emotionale Ausbrüche,  oft auch unter Einfluss von Drogen entstehen. Genau das wird häufig als große Kunst durch Galeristen und Aussteller präsentiert.

Die Kunst wurde seit Beginn des 20sten Jahrhunderts sehr stark psychologisiert. Damit wurde der Trend geschaffen, Kunst müsse zutiefst emotional aus dem Unterbewusstsein kommen um wirklich Kunst zu sein. Ein Werk, das hingegen bei vollem Bewusstsein und wohl überlegt kreiert wurde, sieht sich sehr schnell der Kritik ausgesetzt, keine Kunst zu sein.

 Besonders nach dem zweiten Weltkrieg ist es immer wichtiger geworden, dass ein Kunstwerk assoziative Gedankengänge beim Betrachter auslöst. Tut es dies nicht, dann fällen heutige Kunstkritiker sehr schnell das vernichtende Urteil: „Keine Kunst“.

Das Phänomen der Assoziation ist also zu einem wichtigen Pfeiler heutiger Kunstbetrachtung geworden. Ein Beispiel: Wenn ich einen Aschenbecher male, und der Kritiker sogleich an Lungenkrebs denkt, dann würde das dem heutigem Kunstbegriff entsprechen, würde er aber lediglich einen Aschenbecher erkennen wäre das nach seinem Verständnis keine Kunst, zumindest keine wichtige Kunst.

Es mag zynisch klingen, aber der Erfolg manch zeitgenössischer Kunst hängt in  weit höherem Maße von der Assoziationsfähigkeit des Publikums ab, als von dem Können des Künstlers. Nun ist assoziatives „Denken“ aber nicht unbedingt etwas Gutes und Wünschenswertes, sondern häufig ein Phänomen des Unterbewusstseins und oft keineswegs hilfreich, denn die Menschen sehen nicht mehr das, was wirklich ist, sondern das, was sie assoziieren. Die Ergebnisse davon sind Fehlentscheidungen, Vorurteile und verbogene Gesellschaftssysteme.

Natürlich ist es wichtig und gut, wenn Kunst ein Gedankenspiel, eine Emotion, eine Sehnsucht oder auch Abscheu auslöst und je besser ein Künstler dies bewirken kann, desto erfolgreicher wird seine Kunst sein. Früher nannte man das einmal Erbauung und heute würde man eher vom Feedback  oder von der Resonanz sprechen.

Aber dennoch wird der Erfolg stets davon abhängen, wie sehr der Künstler durch sein Werk die Gedanken- und Emotionswelt des Betrachters anspricht, die wiederum stark beeinflusst ist von der Umwelt, der Gesellschaft und der Bildung der Person.

Leider ist die Ausbildung in unserem heutigen Bildungssystem keineswegs eine Garantie dafür, das jemand klug und logisch denken kann.

Manchmal scheint es sogar so zu sein, dass je höher die Ausbildung, umso geringer die Fähigkeit vernünftig und gerade zu denken und zu handeln.

Bildung scheint mir also keineswegs ein Maßstab für die Fähigkeit zur Kunstbetrachtung zu sein.

Was in den Schulen im Kunstunterricht beigebracht wird, sind häufig Meinungen darüber, was gute Kunst ist, von Leuten, die selbst nicht wirklich herausgefunden haben, was einen künstlerischen Prozess ausmacht bzw. wie Kunst entsteht.

Der Kunstmarkt ist heiß umkämpft und einer der wesentlichen Tricks, die Konkurrenz aus dem Feld zu schlagen ist es, den eigenen „Kunstbegriff“ zum Maß aller Dinge zu machen. Die Methode, die in der Kunstszene verwendet wird, um unangepassten Künstlern den Erfolg streitig zu machen ist, ihre Kunst als „keine Kunst“ oder „nicht mehr zeitgemäß“, als „kitschig“ aber auch als „Schmiererei“ usw. zu diffamieren.

In Wahrheit kann Kunst so unglaublich verschiedenartig sein, wahrscheinlich so vielfältig wie es Menschen gibt, die sie erschaffen.

Es ist einfach unsinnig ein realistisches Landschaftsgemälde aus einem Gesichtspunkt für abstrakte Kunst heraus zu beurteilen. Ein abstraktes Gemälde ist nicht deswegen schlecht, weil es nichts Realistisches erkennen lässt, es soll andere Wirkungen erzielen als ein völlig naturgetreues Landschaftsgemälde.

Es gibt diesen Spruch „ Kunst ist was gefällt“ und dieser Spruch hat viel Wahres, denn der Betrachter allein bestimmt darüber, ob ein bestimmtes Kunstwerk für ihn gelungen erscheint und ihn inspiriert oder eben nicht. Allein aus diesem Grund versteht jeder Mensch etwas von Kunst, der beobachten, empfinden und hinsehen kann.

Wenn Sie also ein hoch gelobtes Gemälde betrachten und es langweilt Sie oder es sagt Ihnen einfach nichts, dann ist das völlig in Ordnung. Sie müssen deswegen nicht gleich davon ausgehen, dass Sie nichts von Kunst verstehen. Werten Sie Ihre eigene Fähigkeit Kunst zu betrachten nicht ab. Bestimmte Kreise hätten es gerne, dass die allgemeine Kunstbetrachtung in eine bestimmte Richtung konditioniert wird, jedoch müssen Sie diese nicht annehmen oder darüber lernen um sich selbst als jemanden bezeichnen zu können, der etwas von Kunst versteht.

Mögen Ihnen also noch viele großartige Kunstwerke vor die Augen kommen.

Carl-W. Röhrig

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