Über die Irritationen der Gesellschaft im Umgang mit der Kunst

Es gibt tatsächlich eine Spaltung in der Gesellschaft über die Betrachtungsweisen und Werte in der Kunst.

Der Mensch auf der Straße versteht tatsächlich nicht, warum die Kunstwerke in den zeitgenössischen Museen als Kunst bezeichnet werden und warum sie überhaupt ausgestellt werden.

Betonklötze, Ansammlungen von Plastikschläuchen, leere Flaschen in Vitrinen und vieles mehr, wie ich es beispielsweise im Museum „Galerie der Gegenwart“ in Hamburg gesehen habe, ergeben tatsächlich keinen zusammenhängenden Sinn mehr, man müsste wahrscheinlich ein ausführliches Studium über die Gedankenwelt der jeweiligen Künstler durchführen um ein Verstehen der dort ausgestellten Werke zu bekommen.

Selbst mir, der sich seit 30 Jahren mit Kunst befasst und grundlegend bereit ist, jeden Gesichtspunkt zum Erschaffen von Kunst einzunehmen, fällt es schwer, irgendeine Plausibilität für diese Art  künstlerischer Kreation zu entwickeln.

Diese Künstler wollen im Grunde mit ihren Werken Chaos, Verzweiflung, Umweltzerstörung, Ausweglosigkeit, Unterdrückung und Untergang ausdrücken.

Dies auszudrücken wird heute von Kulturpolitikern, Museumsleitern, Kunstkritikern und Galeristen als höchst unterstützenswert und förderungswürdig angesehen. Es werden dafür Millionenbeträge ausgegeben und neue Museen gebaut. Die Aufgabe von Museen ist es, den Zeitgeist, der von Künstlern in besonderer Weise zum Ausdruck gebracht wurde, anzukaufen und auszustellen, sowie diese Werke für die Nachwelt zu erhalten.

Um zu verstehen, wie es zu der Entwicklung der heute vorherrschenden Kunstformen gekommen ist, muss die Entwicklung der Kunst seit ungefähr 150 Jahren betrachtet werden. Die Welt stand damals vor großen technischen Entwicklungen, die Sinn und Nutzen von Kunst zu verändern begannen. Die Fotografie wurde erfunden und löste mehr und mehr die damals auf höchste Perfektion entwickelte Portrait- und Landschaftsmalerei ab. Zudem war die Ölmalerei zu höchster Perfektion entwickelt worden sodass eine Weiterentwicklung für die Künstler nur noch in der Entwicklung neuer Stile und Ausdrucksformen gegeben war. Impressionismus, Expressionismus und einige andere Stilrichtungen entstanden. Zur selben Zeit gab es ebenfalls Umbrüche auf geistigen Gebiet, als Sigmund Freuds Psychoanalyse und ihre Theorien in Wissenschaft und Gesellschaft einzogen. Politische Umbrüche, die mit dem 1. Weltkrieg einen ersten Höhepunkt fanden, veränderten ebenfalls das Schaffen der Künstler in der damaligen Zeit. Die Kunst wurde auf der einen Seite in ihren Formen immer einfallsreicher und durch die sozialen Umstände immer kritischer. Auf der anderen Seite wurde es immer wichtiger psychologische Umstände künstlerisch auszudrücken. Psychologisch geschulte Personen begannen Kunst zu kommentieren und zu „erklären“. Kunstkritiker und Historiker übernahmen diese Möglichkeit der Interpretation von Kunstwerken. Das Seelische eines Kunstwerkes rückte in den Vordergrund und wurde mit den Jahrzehnten immer wichtiger. Der Surrealismus zwischen 1930 und 1960 war nun vollständig auf der aufkommenden Psychologie gegründet. Abstraktionen in der Kunst hatten ebenfalls zum Ziel Geistiges und Seelisches auszudrücken. Man wollte die Verzerrtheit und die seelischen Abgründe zum Ausdruck bringen, die realistische Malerei trat mehr und mehr in den Hintergrund. So wichtig und inspirierend diese Entwicklung auch gewesen sein mag, sie entfernte sich mehr und mehr vom allgemeinen Kunstverständnis in der Gesellschaft.

Durch die besondere Förderung der Kunst, die sich mit dem Erforschen des Innenlebens befasste, sahen sich besonders viele Künstler darin bestärkt ihre seelischen und emotionalen Abgründe darzustellen, da sie hierfür besonders gute Kritiken und Förderung erwarten durften. Zwei Weltkriege, gesellschaftliche Umbrüche, die Zerrüttung von Moral und Ethik waren ein guter Nährboden für Künstler um dies künstlerisch zu kommentieren. Fast alles was heute in der Kunst dargestellt wird, soll assoziierende Gedanken auslösen, zumindest sind sie als Symbole für irgendein Themenkonzept zu verstehen. Darüber hinaus wurde es nach dem zweiten Weltkrieg absolut zeitgemäß Kritik zu üben. Kritik an der Gesellschaft und die Darstellung des eigenen seelischen Abgrundes oder den der anderen, wurde zum absoluten Kulturgut erhoben und fand reichlich Platz in den zeitgenössischen Museen.

Ein anderer Faktor übte einen großen Einfluss auf das Kunstschaffen aus. Man erkannte in den 60er Jahren, dass man mit Kontroverse viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte. Im Zeitalter der Medien und der Masseninformation ist das die Methode schlechthin. Letztlich ist jeder Irrsinn kontrovers zu  dem Prozess des Verstehens, also funktioniert es sehr gut, etwas Irrsinniges zu tun, es garantiert einem öffentliche Aufmerksamkeit und damit als Künstler entsprechenden Erfolg. Heutzutage erwartet man von einem Künstler so oder so eine Neigung zum Wahnsinn. Was  nicht verstanden werden kann ist also kontrovers, das was kontrovers ist, wird Aufmerksamkeit erzeugen von jenen, die natürlicherweise begreifen wollen. Und das ist es, was wir heute vornehmlich in der Kulturszene vorfinden: eine Art Delirium Tremens der Assoziation und der Kontroverse, durch hervorragende PR-Arbeit zu höchstem Kulturgut erhoben.

Eine recht große Anzahl von Menschen besucht diese Ausstellungen in den Museen und gibt sich dem Rätsel modernen Kunstschaffens hin, nur wenige sind begeistert und viele gehen mit einem Achselzucken nach Hause.

In Andersons Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ist es ein unverbogenes und vorurteilsfreies Kind, das schließlich auszusprechen wagt, was jeder sieht:

„Der Kaiser ist ja nackt!“

Carl-W. Röhrig